WB

Lübeck sperrt gesunden Menschenverstand

Jede Woche neu: Absperren gegen die Wirklichkeit

Die Mühlentorbrücke ist gesperrt. Der dazugehörige Arm des Kreisels ist ebenfalls gesperrt. Dort fahren keine Autos, dort herrscht keine erkennbare Baustellenhektik, dort liegt im Wesentlichen eine sehr ruhige Straße herum. Was macht man also mit den Fußgängern, die zur Behelfsbrücke wollen? Man schickt sie über die drei befahrenen Arme des Kreisels. Dreimal Straße, dreimal aufpassen, dreimal Verkehr anhalten. Sicherheit durch maximale Feindberührung. Genial.

Natürlich ist die Vorgeschichte schon ein Lübecker Klassiker. Eine alte Brücke wird so lange alt, bis ihr Zustand überraschend zum Problem wird. Dann wird gesperrt, geplant und für Jahre ersetzt. Darüber haben wir uns bereits aufgeregt. Diesmal geht es um die feinere Kunst: Wie macht man aus einer ohnehin lästigen Sperrung noch einen völlig unnötigen Fußgängerumweg?

Neben der Mühlentorbrücke gibt es eine Behelfsbrücke für Menschen zu Fuß und auf dem Fahrrad. Davor gibt es eine Ampel, weil ein Kreisverkehr in Lübeck offenbar erst dann als vollendet gilt, wenn man seinen Verkehrsfluss mit einer Ampel unterbricht. Der Kreisel selbst wurde bereits von zwei Spuren auf eine reduziert, offiziell sicherlich aus guten Gründen. Das Ergebnis für Autofahrer ist jedenfalls leicht verständlich: länger stehen. Nun kommt noch der Fußgängerverkehr hinzu, der um den Kreisel herumgeführt wird. Wer hätte gedacht, dass man Stau und Umweg so harmonisch miteinander verbinden kann?

Dabei wäre der direkte Weg geradezu beleidigend einfach. Über den gesperrten Arm, auf dem kein regulärer Autoverkehr unterwegs ist, hinüber zur Behelfsbrücke. Kurz, übersichtlich und nach allem, was man vor Ort erkennen kann, deutlich konfliktärmer. Stattdessen sollen Fußgänger den langen Weg nehmen und drei befahrene Straßenarme queren. Einmal ungefährlich wäre vermutlich zu wenig Verkehrserlebnis.

Vielleicht gibt es dafür eine hervorragende verkehrsrechtliche, baustellenlogistische oder versicherungstechnische Erklärung. Vielleicht gilt der tote Straßenarm auf irgendeinem Plan bereits als hochaktive Baustelle, obwohl er vor Ort eher die Ausstrahlung eines stillgelegten Parkplatzes besitzt. Vielleicht verlangt irgendeine Vorschrift, Menschen dort fernzuhalten, wo nichts fährt, und sie dorthin zu schicken, wo Autos fahren. Das mag alles furchtbar kompliziert sein. Das Ergebnis bleibt trotzdem Unsinn.

Denn Menschen besitzen eine lästige Eigenschaft: Sie erkennen Wege. Vor allem kurze Wege. Sie schauen auf eine Absperrung, schauen auf das friedlich daliegende Stück Straße, schauen auf den amtlich vorgesehenen Rundkurs mit drei Querungen und treffen dann eine geradezu revolutionäre Entscheidung: Sie gehen direkt.

Auf den Fotos kann man diese Rebellion sehr schön besichtigen. Am Geländer vorbei, neben den Baken entlang, über den Rasen, durchs Grün. Der Boden hat inzwischen deutlicher abgestimmt als manche Bürgerbefragung. Wo immer die Absperrung endet, beginnt ein Trampelpfad. Und wenn die Absperrung erweitert wird, erweitert sich eben der Trampelpfad. Der Mensch ist anpassungsfähig. Besonders gegenüber Unsinn.

Das eigentlich Großartige ist aber, dass nach meinem Eindruck regelmäßig jemand kommt und die Baken wieder ordentlich hinstellt, ergänzt oder den Durchgang erneut erschwert. Irgendjemand investiert also Arbeitszeit, fährt vermutlich dorthin, betrachtet die unübersehbaren Laufspuren und stellt die amtliche Wirklichkeit wieder her. Wenig später haben die Menschen die tatsächliche Wirklichkeit wiederhergestellt. Das ist kein Verkehrsmanagement mehr. Das ist ein wöchentliches Theaterstück mit Absperrgittern.

Übersetzt müsste der Arbeitsauftrag ungefähr lauten: Bitte fahren Sie zum Mühlentorkreisel und verhindern Sie erneut einen Weg, den die Menschen weiterhin nehmen werden, weil die Alternative länger und nach ihrer Wahrnehmung gefährlicher ist. Danach wird die Bake zurechtgerückt, der Zaun verlängert und vielleicht zufrieden dokumentiert, dass die Absperrung nun wieder ordnungsgemäß niemanden überzeugt.

Und niemand scheint die naheliegende Frage nach oben weiterzugeben: Wäre es nicht einfacher, an dieser Stelle einen vernünftig abgegrenzten Fußweg über den gesperrten Straßenarm einzurichten? Einen Weg, den die Menschen ohnehin benutzen. Einen Weg, der verhindert, dass Grünflächen und Büsche immer weiter niedergetreten werden. Einen Weg, für den man nicht ständig neue Hindernisse aufstellen muss. Einen Weg, der einfach der menschlichen Natur folgt, statt sie erziehen zu wollen.

Wer dafür verantwortlich ist? Keine Ahnung. Vielleicht die Stadt, vielleicht die Verwaltung, vielleicht die Baustellenbetreuung, vielleicht mehrere Stellen in einer besonders gelungenen Gemeinschaftsproduktion. Beim Lübecker Zuständigkeitsroulette gewinnt bekanntlich immer das Feld „Das müssten Sie bitte woanders fragen“. Also stellen wir vorsichtshalber alle Prozesse unter Generalverdacht. Personen sind schließlich austauschbar. Der Unsinn steht stabil.

Genau darin liegt das größere Problem: Planung behandelt Menschen gern wie kleine Figuren auf einem Lageplan. Man zeichnet eine Linie um drei Viertel des Kreisels, setzt ein paar Symbole dazu und erklärt den Weg für zumutbar. Nur laufen echte Menschen nicht nach Linien, wenn die Linien offenkundig keinen Sinn ergeben. Sie nehmen den kürzeren, ruhigeren und für sie plausibleren Weg. Das ist weder überraschend noch besonders rebellisch. Das ist menschlich.

Eine gute Verkehrsplanung müsste dieses Verhalten nicht bekämpfen, sondern verstehen. Wenn an derselben Stelle immer wieder Menschen an derselben Absperrung vorbeigehen und dabei denselben Pfad in denselben Rasen treten, ist das kein rätselhaftes Fehlverhalten. Es ist eine kostenlose Langzeitstudie. Der Versuchsaufbau steht, die Ergebnisse liegen offen im Sand, nur die Auswertung scheint noch in der verwaltungsinternen Vorprüfung zu sein.

So produziert Lübeck an der Mühlentorbrücke gleich mehrere Probleme aus einer einzigen Lösung: Fußgänger laufen länger, queren öfter den Verkehr, Autos müssen häufiger warten, Grünflächen werden zertrampelt und jemand darf die wirkungslosen Sperren immer wieder neu sortieren. Mehr Aufwand, mehr Konflikte, mehr Gefahrgefühl, mehr Kosten. Aber immerhin bleibt der direkte Weg zuverlässig verboten.

Vielleicht wird irgendwann jemand bemerken, dass man menschliche Natur nicht mit einer rot-weißen Bake abschafft. Bis dahin stimmen die Lübecker weiter mit den Füßen ab. Und jedes Mal, wenn die Absperrung wieder korrekt steht, eröffnet daneben der gesunde Menschenverstand einen neuen Weg.

Photo Credits: Der Wutbürger – ungeprüft & faktenlos

Comments are closed.