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Die Stadtkasse lauert am Straßenrand

Lübeck blitzt sich den Haushalt schön

Lübecks Kassen sind leer? Wunderbar. Dann kaufen wir erst einmal Blitzer. Denn nichts beweist haushälterische Vernunft überzeugender, als Geld auszugeben, um später vielleicht Geld einzunehmen. Wenn die Haushaltskasse leer ist, könnte man ja Ausgaben prüfen, Prioritäten setzen oder Probleme tatsächlich lösen. Aber das klingt natürlich entsetzlich anstrengend. Viel eleganter wirkt die Lübecker Variante: Erst wird Geld für neue Technik ausgegeben, dann stellt man sie an die Straße und hofft, dass der Bürger den städtischen Haushalt im Vorbeifahren saniert.

Natürlich geht es dabei ausschließlich um Sicherheit. Worum denn sonst? Auf gar keinen Fall könnte man den Eindruck bekommen, eine klamme Stadt habe im Autofahrer eine bewegliche Einnahmequelle entdeckt. So etwas zu denken wäre zynisch. Und Zynismus ist schließlich Sache der Verwaltungskommunikation.

Das Ganze passt hervorragend zum Lübecker Zukunftskonzept: autofreie Innenstadt. Wobei wir inzwischen offenbar schon einen Schritt weiter sind. Wir arbeiten an der menschenleeren Innenstadt.

Seit Jahren wird die Erreichbarkeit Stück für Stück komplizierter. Hier eine neue Verkehrsführung, dort weniger Parkplätze, da eine Regel, dort eine Sperrung. Wer trotzdem noch mit dem Auto in die Innenstadt möchte, braucht Geduld, Ortskenntnis und möglicherweise ein abgeschlossenes Studium der angewandten Lübecker Umleitungskunde.

Der Erfolg lässt sich besichtigen: Leerstände, immer wieder dieselben Ketten und immer weniger von den kleinen, eigenwilligen Geschäften, wegen denen man überhaupt in eine Innenstadt fährt. Währenddessen fahren die Menschen zum Citti-Park, ins LUV, irgendwo anders hin oder bleiben gleich auf dem Sofa und bestellen online.

Aber bestimmt liegt das nicht an der Erreichbarkeit. Wahrscheinlich sind die Bürger einfach noch nicht modern genug. Sie haben noch nicht verstanden, dass man Oma, drei Kisten Bier, zwei Kinder und den Wochenendeinkauf ganz bequem auf ein Lastenrad schnallt. Oma kommt vorne in die Kiste, das Bier hinten drauf und die Kinder dürfen treten. So sieht urbane Mobilität aus. Zumindest auf den Bildern in irgendwelchen Konzeptpapieren.

Und weil dieses Konzept so hervorragend funktioniert, braucht Lübeck nun offenbar mehr Blitzer. Das ist konsequent. Erst macht man das Autofahren möglichst unattraktiv, dann investiert man Geld, um die verbliebenen Autofahrer noch etwas gründlicher zu betreuen.

Feste Blitzer sind dabei ein besonders raffinierter Plan. Sie kosten erst einmal Geld. Danach stehen sie herum. Nach einiger Zeit kennt jeder Lübecker ihren Standort, bremst kurz ab und fährt anschließend weiter. Manche verlassen sich zusätzlich auf digitale Warnungen. Übrig bleiben Auswärtige, Unkonzentrierte und jene, die für einen Moment ein Schild übersehen haben. Der große Geldregen könnte also ungefähr so zuverlässig werden wie andere Lübecker Zukunftsprojekte: angekündigt, bezahlt und anschließend überraschend überschaubar.

Ja, Geschwindigkeitskontrollen können sinnvoll sein. Vor Schulen, an gefährlichen Übergängen und dort, wo tatsächlich häufig brenzlige Situationen entstehen. Seltsam ist nur, dass mobile Kontrollen aus Bürgersicht erstaunlich oft an Stellen auftauchen, an denen die Straßenführung geradezu dazu einlädt, einen Hauch zu schnell zu werden. Nicht unbedingt dort, wo man täglich Blechschäden, Vollbremsungen und gefährliche Szenen beobachtet, sondern dort, wo das Messgerät vermutlich besonders selten vor Langeweile einschläft.

Vielleicht täuscht dieser Eindruck. Möglicherweise besitzt die Verwaltung eine brillante Karte sämtlicher Gefahrenstellen. Uns Bürgern wurde nur leider nicht erklärt, weshalb manche davon so friedlich aussehen.

Aber genau darin liegt die Schönheit der roten Lübecker Rathauslogik: Statt ein Problem zu lösen, nimmt man Geld in die Hand, um anschließend mehr Geld vom Bürger zu nehmen. Dieses Geld kann man dann auf jene Probleme werfen, die man seit Jahren nicht gelöst bekommt. Wenn es anschließend immer noch nicht reicht, braucht man eben noch mehr Geräte, Gebühren und Regeln. Ein Kreislauf, so nachhaltig, dass selbst das Lastenrad neidisch wird.

Die Innenstadt wird davon keinen einzigen neuen Laden bekommen. Kein Leerstand verschwindet, weil am Straßenrand ein grauer Kasten wacht. Kein Besucher denkt: „Ach, wie herrlich, noch eine Verkehrsüberwachung – da fahre ich morgen gleich wieder zum Einkaufen hin.“
Dafür kann Lübeck irgendwann stolz verkünden, man habe die Zahl der Autofahrer in der Innenstadt weiter gesenkt. Dass gleichzeitig auch weniger Kunden, Besucher und Leben dort angekommen sind, lässt sich bestimmt in einer anderen Statistik unterbringen.

Am Ende stehen dann die neuen Blitzer an den Zufahrtsstraßen und bewachen eine Innenstadt, in die kaum noch jemand möchte. Sie blitzen gelegentlich einen Ortsfremden, während die Einheimischen seelenruhig vorbeifahren und zum Citti-Park abbiegen.
Wieder Geld ausgegeben. Wieder Bürger genervt. Wieder kein eigentliches Problem gelöst.

Aber immerhin ist jetzt dokumentiert, wie schnell wir an der menschenleeren Innenstadt vorbeifahren.

Photo Credits: Der Wutbürger – ungeprüft & faktenlos

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