Der Wutbürger

Aus freier Fahrt wird kostenpflichtiger Stillstand

Warum günstig fahren, wenn man teuer stehen kann?

Der Mühlentorteller soll also eine Ampelkreuzung werden. Endlich. Jahrzehntelang konnten Autos dort weitgehend selbstständig im Kreis fahren, ohne dass ihnen eine Lichtsignalanlage im Dreißig-Sekunden-Takt erklären musste, was Rot, Gelb und Grün bedeuten. Dieser unkontrollierte Zustand bürgerlicher Eigenverantwortung war offenbar nicht länger hinnehmbar. Ein Kreisverkehr ist schließlich erschreckend wartungsarm. In der Mitte wird gelegentlich ein bisschen gegärtnert, außen fahren die Autos herum, und das war es im Wesentlichen. Kein Dauerstrom, keine Schaltkästen, keine regelmäßige Ampelwartung und keine Rotphase, während weit und breit niemand kommt. So etwas passt natürlich nicht in eine Stadt, die beim Geldausgeben gern noch eine zusätzliche Spur aufträgt.

Also weg mit dem Teller und her mit der Kreuzung.

Dabei hat der Mühlentorteller jahrzehntelang etwas getan, das Lübecker Verkehrsprojekten grundsätzlich verdächtig sein sollte: Er hat funktioniert. Zweispurig sogar. Wer wusste, wo er hinwollte, ordnete sich entsprechend ein und fuhr wieder hinaus. Das Prinzip wird in Deutschland und im Ausland tausendfach praktiziert. Nur in Lübeck scheint der Kreisverkehr eine verkehrstechnische Geheimwissenschaft zu sein, ungefähr auf dem Niveau der Quantenphysik, nur mit Blinker. Natürlich können viele Menschen keinen Kreisverkehr fahren. Manche ordnen sich falsch ein, andere wechseln die Spur mit der Entschlossenheit eines erschrockenen Rehs, und wieder andere halten vorsichtshalber an, obwohl überhaupt niemand kommt. Das ist ärgerlich. Aber wenn Menschen ein Verkehrssystem nicht beherrschen, könnte man ihnen vielleicht beibringen, wie es funktioniert.

Oder man reißt das Verkehrssystem ab.

Lübeck hat sich für die pädagogisch wertvollere Variante entschieden: Wer den Kreisverkehr nicht versteht, bekommt eine Ampel. Wer auch die Ampel nicht versteht, erhält vermutlich später eine Schranke. Irgendwann regelt dann ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes jedes Fahrzeug einzeln über den Platz.

Ja, der Radverkehr muss dort sicherer werden. Der bisherige Fahrradweg durch den Kreisel ist alles andere als eine Wellnessroute. Dafür braucht es eine vernünftige Lösung. Aber zwischen „Wir müssen die Sicherheit verbessern“ und „Wir bauen gleich den ganzen Kreisverkehr zur Kreuzung um“ liegt möglicherweise noch ein kleiner gedanklicher Zwischenraum. Der Bauausschuss wollte offenbar sogar ein Konzept für einen regelkonformen zweispurigen Kreisverkehr prüfen lassen. Die Mehrheit der Bürgerschaft entschied sich trotzdem für die Ampelkreuzung.

Das Herz sei für den Kreisverkehr, der Verstand für die Kreuzung, hieß es sinngemäß aus der Verwaltung. Bei mir ist inzwischen eher der Geldbeutel für den Kreisverkehr. Der Verstand steht derweil an der roten Ampel und wartet. Denn eine Kreuzung baut sich bekanntlich nicht aus ein paar Eimern Farbe und einem Verlängerungskabel. Sie muss geplant, ausgeschrieben, gebaut, markiert, verkabelt und irgendwann sogar fertiggestellt werden. Letzteres ist in Lübeck traditionell der experimentelle Teil des Verfahrens. Bis dahin entstehen neue Fahrstreifen, Abbiegebereiche, Sicherheitsflächen und vermutlich so viele Bodenmarkierungen, dass man beim Überqueren erst einmal prüfen muss, ob man sich noch auf einer Straße oder bereits auf einem Schachbrett befindet.

Der St.-Jürgen-Ring lässt grüßen.

Und dann beginnen die Folgekosten. Ampeln benötigen Strom. Ampeln brauchen Wartung. Ampeln haben Schaltkästen, Technik und Bauteile, die repariert und irgendwann ersetzt werden müssen. Die Initiative „Ja zum Mühlentorteller“ rechnet allein für die Lichtsignalanlage mit einer jährlichen Belastung von rund 25.000 Euro. Ob diese Rechnung am Ende exakt aufgeht, wird man sehen. Sicher ist nur: Der bisherige Kreisverkehr schickt für das Herumstehen keine Stromrechnung. Aber Lübeck kann es sich leisten. Das Minus im Haushalt besteht schließlich nur aus ein paar lästigen Millionchen. Da darf man nicht kleinlich werden. Andere Städte sparen an freiwilligen Leistungen, Gebäuden oder Infrastruktur. Lübeck investiert lieber in die moderne Kunst des kostenpflichtigen Wartens.

Besonders reizvoll wird das Ganze durch die gesperrte Mühlentorbrücke. Eine alte Brücke wird alt und muss ersetzt werden. Wer hätte das ahnen können? Offenbar niemand rechtzeitig genug, um nach der Sperrung unverzüglich mit Abriss oder Neubau loszulegen. Stattdessen ist die Verbindung dicht, der Verkehr am Mühlentorteller entsprechend verändert, und ausgerechnet in dieser Situation wird für den Teller eine neue große Verkehrslösung beschlossen.

Erst sperren wir die Brücke. Dann beobachten wir einen Kreisverkehr, dem ein wesentlicher Verkehrsweg fehlt. Anschließend erklären wir, wie er künftig den Verkehr bewältigen soll. Das ist vermutlich integrierte Lübecker Verkehrsplanung. Die einzelnen Teile müssen nicht zusammenpassen, solange jeder für sich gründlich bearbeitet wird.

Und wo ist eigentlich die große Klimabegeisterung, wenn Fahrzeuge künftig an roten Ampeln stehen, obwohl sie in einem Kreisverkehr längst weitergefahren wären? Wenn Fahrspuren verengt werden, der Verkehr sich zurückstaut und Motoren länger laufen? Zusätzlich braucht die Ampelanlage selbst Energie. Herzlichen Glückwunsch: Wir verbrauchen Strom, damit Autos länger warten können. So geht Verkehrswende mit eingebauter Standheizung.

Nun werden Fachleute erklären, eine Kreuzung sei sicherer, leistungsfähiger und planbarer. Das mag alles in den entsprechenden Unterlagen hervorragend aussehen. Auf dem Papier fließt Verkehr schließlich immer ordentlich in bunten Pfeilen. Nur der Lübecker steht später tatsächlich davor.

Vielleicht gibt es wirklich keine Lösung ohne Nachteile. Das ist sogar wahrscheinlich. Aber zwischen einer Verbesserung des bestehenden Kreisverkehrs und seinem vollständigen Umbau zu einer dauerhaft kostenpflichtigen Ampelkreuzung hätte man ruhig etwas länger nachdenken dürfen. Stattdessen ersetzen wir ein einfaches System, das überwiegend von selbst funktioniert, durch Technik, die gebaut, bezahlt, betrieben, gewartet und erneuert werden muss.

Lübeck hat offenbar kein Geld. Aber immerhin bald wieder eine Ampel, an der wir darüber nachdenken können.

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Photo Credits: Der Wutbürger – ungeprüft & faktenlos

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