MORD IM ORIENT EXPRESS (1974)
Es ist Krimi-Zeit in meiner Kolumne und ich möchte euch die nächsten drei Wochen die meiner Meinung nach besten Agatha Christie-Verfilmungen einmal ans Herz legen. Den Anfang macht der Starbesetze Klassiker „Mord im Orient Express“, aber nicht das etwas lahme Remake von 2017, sondern die Verfilmung aus dem Jahr 1974, die deutlich spannender geraten ist.
Regisseur Sidney Lumet haben wir wegweisende Klassiker zu verdanken. Sein kammerspielartiges Krimi-Drama „Die 12 Geschworenen“ schrieb ebenso Kinogeschichte wie die mit Al Pacino besetzten Thriller „Serpico“ und „Hundstage“. Auch seine Interpretation von „Mord im Orient Express“ war wegweisend, schuf er damit doch die Blaupause für alle kommenden Hercule Poirot Filme. Entgegen der populären Miss Marple Krimis mit Margaret Rutherford wird hier nicht gleich zu Beginn der Mord begangen. Stattdessen lernen wir zunächst einmal alle potenziellen Opfer und Verdächtigen kennen. Erst später, wenn man sich mit den Figuren halbwegs vertraut gemacht hat, kommt es zum Mordfall, gefolgt von den Verhören Poirots und der anschließenden Lösungspräsentation vor versammelter Runde. Ich liebe dieses Konzept und die Produzenten John Brabourne und Richard Goodwin scheinbar auch, denn nach dem warmen Geldregen, der ihnen „Mord im Orient Express“ bescherte, produzierten sie noch drei weitere Agatha Christie-Filme, von denen ich euch zwei weitere in den nächsten Wochen ebenfalls präsentieren werde.
Es beginnt ungewohnt düster mit der Entführung der kleinen Daisy Armstrong im Jahr 1930 (basierend auf der echten Entführung des Lindbergh-Babys im Jahr 1932). Brutal wird das Mädchen aus ihrem reichen Elternhaus gerissen. Jegliche Bemühungen, das Kind zurückzubekommen, scheitern. Daisy wird tot aufgefunden. Die Tragweite dessen, was die blutige Tat hervorgerufen hat, wird erst im späteren Verlauf erörtert. Stattdessen springt der Film fünf Jahre in die Zukunft.
Nach erfolgreichem Abschluss eines Falles möchte der belgische Detektiv Hercule Poirot (Albert Finney) von Istanbul zurück nach London reisen. Leider muss er feststellen, dass der Orient Express komplett ausgebucht ist. Doch, Glück im Unglück, vor Ort trifft er zufällig auf Signor Bianchi (Martin Balsam), einem guten Freund und zugleich Besitzer der Bahn, der ihm, dank seiner Beziehungen, einen Schlafplatz im Zug verschafft. Am nächsten Tag bietet ihm einer der wohlhabenden Passagiere, ein gewisser Mr. Ratchett (Richard Widmark) einen Job an. Der Geschäftsmann sieht sein Leben bedroht und bittet Poirot um Personenschutz, doch der lehnt dankend ab
Ein Fehler? Nach einer Nacht voller merkwürdiger Geräusche auf dem Gang des Schlafwagens wird der ominöse Mr. Ratchett tot in seiner Kabine aufgefunden – getötet von zwölf Messerstichen. Eigentlich ein Fall für die Polizei, doch dann bleibt der Zug mitten im ländlichen Jugoslawien im Schnee stecken und so muss Hercule Poirot zeigen, warum er als Meisterdetektiv gehandelt wird. Er verhört sämtliche Anwesende und bemerkt dabei schnell, dass sich die Aussagen mehr und mehr widersprechen. Ob er diesen kniffligen Fall lösen kann?
Natürlich kann er und der Weg bis dahin ist höchst unterhaltsam, zumal die Verdächtigen von einer wahren Starriege dargestellt werden. Sean Connery, Michael York, Lauren Bacall, Anthony Perkins, Jacqueline Bisset, Vanessa Redgrave und die für ihre Rolle mit dem Oscar ausgezeichnete Ingrid Bergman sind nur ein paar der hochkarätigen Darsteller in diesem Ensemble-Krimi, der von Sidney Lumet meisterhaft inszeniert wurde. Entgegen der 2017er Variante von Kenneth Branagh, dem es um die Hintergründe seiner Detektivfigur ging, konzentrierte sich Lumet auf die eigentliche Geschichte, die er meisterhaft in spitzen Dialogen und kleinen Rückblenden aufdröselt – bis zum wirklich überraschenden Finale. Doch auch wenn man, so wie ich, „Mord im Orient Express“ bereits mehrfach gesichtet hat und sehr wohl um den oder die Täter weiß, so bleibt das Katz und Mausspiel doch immer wieder höchst unterhaltsam.
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