TWISTER
Muuuuuuh! Nachdem der großartige Kameramann Jan de Bont ein beeindruckendes Regiedebüt (Speed) ablieferte, legte er noch eine Schippe drauf, als Steven Spielberg ihn für den legendären Wirbelsturm-Katastrophenthriller mit der fliegenden Kuh verpflichtete. Ihr habt es wahrscheinlich richtig erraten, heute geht es um den Film „Twister“ aus dem Jahr 1996.
Jan de Bont kann auf eine beeindruckende Karriere als Kameramann zurückblicken. Bereits in jungen Jahren schwang er das Objektiv für seinen Landsmann Paul Verhoeven, mit dem er in der Heimat bereits an Filmen wie „Türkische Früchte“ zusammenarbeitete. Später zog es beide nach Hollywood, wo sie mit „Basic Instinct“ einen zeitlos-genialen Erotikthriller schufen. Des Weiteren war de Bont Chefkameramann bei Klassikern wie „Stirb langsam“, „Black Rain“ und „Lethal Weapon 3“. Mitte der Neunziger wagte er den Wechsel auf den Regiestuhl, wo er mit dem Actionthriller „Speed“ eine satte Punktlandung hinlegte und Sandra Bullock zu Weltruhm verhalf. Dies rief Steven Spielberg auf den Plan, der für den von Michael Crichton („Jurassic Park“) geschriebenen Katastrophenfilm „Twister“ noch einen geeigneten Regisseur suchte. Finanziell wurde es für de Bont der erfolgreichste Streifen, spielte der Film doch weltweit ca. 494 Mio Dollar ein. So falsch können Kritiker liegen, denn von der Presse hagelte es weniger positive Reaktionen und so gewann der Film in der Kategorie „Am schlechtesten geschriebene Filme, die über 100 Millionen Dollar einspielten“ im Jahr 1997 die Goldene Himbeere. Die Wahrheit über die Qualität des Films liegt irgendwo dazwischen, aber der Reihe nach.
„Twister“ beginnt im Jahr 1969, eines nachts auf einer Farm, die sich im Bereich der sogenannten Tornado Alley befindet. Dies ist ein Gebiet im mittleren Westen der USA, welches besonders häufig von Wirbelstürmen heimgesucht wird. In dieser Nacht muss die kleine Jo Thornton (Alexa PenaVega) mit ansehen, wie ihr Vater (Richard Lineback) von einem Tornado der Stufe F5 (der bislang weltweit am höchsten, gemessenen Stufe) in den Tod gerissen wird. Glück im Unglück: Ihr kleiner Hund kann sich in letzter Sekunde retten und der ist soooo süß.
Direkt im Anschluss springt die Handlung in die Gegenwart, also in die Mitte der Neunziger, als TV-Geräte noch im 4:3 Format in den Wohnzimmern standen und Handys noch ein Luxusgut darstellten, welches nur Besserverdiener in der Tasche hatten. Zu dieser Sorte gehört die Psychologin Dr. Melissa Reeves (Jamie Gertz), die sich, zusammen mit ihrem Verlobten, dem TV-Wetterfrosch Bill Harding (Bill Paxton), auf den Weg zu dessen Heimat in Oklahoma befindet. Selbstverständlich befindet sich diese „Heimat“ mitten in der Tornado Alley, sonst hätten wir keinen Film. Dort suchen die beiden die mittlerweile erwachsene und durchaus ansehnliche Dr. Jo Thornton-Harding (Helen Hunt) auf. Die hat es sich nach ihrem Kindheitstrauma zum Ziel gemacht hat, die herumwirbelnden Naturkatastrophen zu untersuchen, um Leben zu retten. Früher arbeitete sie nicht nur mit Bill zusammen, sie ehelichte ihn auch noch. Doch der einstige Draufgänger entwickelte sich vom Löwen zum zahmen Kätzchen und plant mit seiner neuen Verlobten ein geregeltes Leben als Wetteransager. Hierfür fehlen ihm lediglich noch die unterschriebenen Scheidungspapiere von Jo.
Die hat jedoch gerade ganz andere Sorgen, befindet sie sich doch, zusammen mit einer draufgängerischen Forschungstruppe (u.a. dabei, der junge Philip Seymour Hoffman), auf der Jagd nach Tornados, um in deren Zentrum die einst von Bill entworfenen Maschine Dorothy zu platzieren. Diese würde, so die Theorie, kleine Sensoren im Herzen des Sturms freisetzen, mit deren Hilfe wichtige, wissenschaftliche Daten gewonnen werden können. Es folgt, was folgen muss: Bill ist angefixt von seinem alten Leben und hängt sich an die Truppe dran, die einen Rückschlag nach dem Nächsten erleben müssen. Zu allem Überfluss befindet sich auch noch der arrogante, und mit deutlich besseren, finanziellen Mitteln ausgestattete, Tornadojäger Dr. Jonas Miller (Cary Elwes) am Start. Der hat Bill einst die Idee zu dessen Erfindung geklaut und ist daher ebenfalls, mit seiner eigenen Variante von Dorothy, vor Ort. Die Frage, welches Team am Ende die Nase vorn hat und ob Bill ganz vielleicht sogar seine ständig dauertelefonierende Großstadtmieze Melissa in den Wind schießt und gegen seine alte Liebe Jo eintauscht, ist nicht sonderlich schwer zu beantworten.
Dies ist dem Drehbuch von Michael Crichton geschuldet, welches dieser zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Anne-Marie Martin (bestens bekannt als Dori Doreau aus der Serie „Sledge Hammer“) verfasste. Dieses ist wahrlich nicht die Stärke von „Twister“ und bleibt bis heute der einzige Drehbucheintrag von Frau Martin. Die Handlung läuft leider durchweg nach Schema F ab. Dabei ist es faszinierend, wie sehr man jede Szene exakt vorhersehen kann, beginnend mit der Sterbeszene des Vaters, der, bevor er die Klappe zum „tornadosicheren“ Keller mit seiner Manneskraft zuhalten möchte, seiner Familie die Worte „Ihr bleibt hier.“ warnend mit auf den Weg gibt. Als Cop hätte er mit Sicherheit die Worte „Und das drei Tage vor meiner Pensionierung.“ über die Lippen gebracht oder in einem Horrorfilm „Ich komme gleich wieder!“ Auch gibt sich die Truppe um Jo und Bill viel zu cool, wenn sie sich zu Rockmusik singend, voll motiviert und lächelnd in akute Lebensgefahr mitten im Sturm begeben. Hierzu passt, dass der Bodycount für einen Katastrophenfilm erstaunlich niedrig ausfällt. Quasi ein Einstiegs-Thriller für die ganze Familie, bei der sich auch jüngere Kinder nicht allzu sehr gruseln. Dies wird vom schmalzigen Soundtrack von Mark Mancina („Speed“) nur noch weiter unterstützt, bei dem der Schleim aus den Surroundboxen quillt. Doch welche Qualitäten birgt der Film für ein erwachseneres Publikum, die ja immerhin damals die Kinos stürmten wie ein Tornado der Stufe F5 die Szenerie?
Die Antwort lautet ganz klar: Helen Hunt und Bill Paxton, die sich damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befanden und deren Chemie einfach stimmig ist. Zwei gutaussehende, sympathische Mimen, denen man einfach von Anfang an wünscht, dass sie sich endlich küssend in den Armen liegen. Bis es so weit ist, womit wir bei Punkt 2 wären, durfte die Effektschmiede Industrial Light and Magic Wirbelsturmeffekte abliefern, die heute zwar etwas angestaubt wirken, aber immer noch ganz gut funktionieren, auch weil man immer wieder auch auf praktische Spezialeffekte zurückgriff. Noch beeindruckender geriet aber die Kameraarbeit von Jack N. Green („Erbarmungslos“), der von Jan de Bont tolle Anweisungen zu Plansequenzen und beeindruckenden Kameraflügen, lange vor der Zeit von Drohnen, erhalten haben muss. Seine Arbeit ist wirklich toll.
Der Film bleibt Geschmackssache, ist aber immer noch recht kurzweilig und daher auch heute noch einen Blick wert.
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