Filmtipp

Chrischis Filmtipp zum Wochenende

DIE KLAPPERSCHLANGE

Einer der Regisseure, die mich in meiner Jugend am meisten beeindruckten, war definitiv John Carpenter. Der schuf nicht nur Kult-Killer Michael Myers, er schickte auch Snake Plissken auf die Gefängnis-Insel Manhattan – und genau um den geht es heute. Vorhang auf für „Die Klapperschlange“.

Hollywoods Zukunftsvisionen haben oft nur eine kurze Halbwertzeit. Wenn es nach den Drehbuchautoren ginge, besäßen unsere Kinder heute Hoverboards, Autos würden fliegen, zum Mittag gäbe es lecker Soylent Green oder dehydrierte Pizza und vor Jahren wäre die Erde sowieso laut Roland Emmerich gleich mehrfach untergegangen. Auch Die Klapperschlange macht bei diesen falschen Voraussagen keine Ausnahme oder erinnert Ihr Euch noch daran, dass 1988 die Verbrechensrate in den USA so steil in die Höhe stieg, dass man um die New Yorker Insel Manhattan eine Mauer zog und das Innere zum größten Gefängnis der Welt umfunktionierte, in dem es weder Wachen noch Regeln gibt? Natürlich nicht, aber diese Tatsache muss man schlucken, wenn man auch heute noch an Die Klapperschlange Spaß haben möchte, was jüngeren Filmfans, auch in Betracht der in die Jahre gekommenen Effekte, schwerfallen könnte. Der Cineast von damals dürfte aber auch heute noch applaudieren, wenn John Carpenters kultiger Soundtrack das erste Mal ertönt – und der gehört in jedes gut sortierte CD-Regal.

Wir schreiben das Jahr 1997. Hauk (Lee Van Cleef) ist Leiter der Sicherheitstruppe, die jeden Ausbruch der Schwerverbrecher aus dem Inselknast mit dem Tode adeln und die Neuankömmlinge entweder in Busse verfrachten oder auf Wunsch derer stattdessen hinrichten und einäschern. Sein Arbeitstag gestaltet sich heute aufregender, als erhofft. Es ist der Tag, an dem der einstige, nun abtrünnige, Militärheld Snake Plissken (Kurt Russell) eintrifft, um sein One-Way-Ticket in Richtung Gefängnisinsel anzutreten. Doch ein schweres Unglück überschattet den Transfer nach Manhattan, da Terroristen die Air Force One über dem Gefängnis zum Absturz bringen. Der Präsident (Donald Pleasence), der eine wichtige Tonbandaufnahme bei sich trägt (ich bin nicht sicher, ob das Tape nun von TDK oder BASF stammt), die den Weltfrieden erhalten soll, kann sich mit einer Rettungskapsel in Sicherheit bringen – so glauben Hauk und seine Leute zumindest. Doch als sie schwebewaffnet am Unglücksort ankommen, ist der Präsident verschwunden. Der ebenfalls dort aufschlagende Punk (Frank Doubleday) fordert die Truppe auf, umgehend abzuziehen, da das Staatsoberhaupt sonst exekutiert werden würde. Als Beweis für den Ernst der Lage übergibt der Herumtreiber den abgetrennten Ringfinger des Entführungsopfers an die Spezialeinheit.

Hauk bleibt keine Wahl. Er bietet Snake Plissken einen Deal an. Sollte dieser es schaffen, den Staatsführer heil und in einem Stück innerhalb der nächsten 24 Stunden (die er kurzerhand auf 23 Stunden reduziert) von der Insel zu schaffen, winkt Plissken die Begnadigung. Der willigt zähneknirschend ein, bekommt jedoch noch eine Kapsel injiziert, die nach Ablauf der Frist einen Sprengkörper in seiner Blutbahn freisetzt. Sein sicheres Ende, außer er erhält das Gegenmittel, welches die Sprengladung deaktiviert. Dieses gibt es freilich nur im Tausch gegen den Präsi. Die Zeit drängt also.

Dort angekommen, trifft Snake schnell auf brutale Gangs, die ihm ans Leder wollen, aber auch auf Verbündete, die sich erhoffen, mit ihm das Höllengefängnis endlich verlassen zu können. So schlagen sich der alte, kauzige Taxifahrer Cabbie (Ernest Borgnine), Snakes alter Kumpel und Ex-Partner Brain (Harry Dean Stanton) mit dessen Liebchen Maggie (Adrienne Barbeau) auf die Seite des einäugigen Kämpfers. Von ihnen erfährt Snake, dass sich der Präsident in den Fängen des Dukes (Isaac Hayes) befindet, der über ganz Manhattan herrscht. Ein quasi unmögliches Unterfangen, den Staatsführer von dort zu befreien, zumal die Uhr gnadenlos tickt…

Der Zusammenbruch des Justizsystems in den USA ist eine Schreckensvision, die bis heute noch Einzug ins moderne Kino findet. Die Idee, aus ganz Manhattan ein Gefängnisinsel zu machen, die ringsum vermint ist und innendrin eine gesetzlose Welt voller Freaks zu gestalten, die auch aus einem „Mad Max“-Film stammen könnten, war schlichtweg genial. In atmosphärisch düsterer und dreckiger Kulisse kämpft sich Kurt Russell hier in seiner ersten Actionfilmrolle mit Coolness und Bravour durch den Film – immer unterstützt von den genialen Synthie Klängen John Carpenters, der hier, wie so oft zu dieser Zeit seiner Schaffensphase, ein stimmiges Gesamtkunstwerk mit eindeutiger, politischer Aussage schuf: Nieder mit dem Polizeistaat.

John Carpenters „Die Klapperschlange“ (ein Titel, der keinen Sinn ergibt, da Snake eine Kobra auf den Bauch tätowiert trägt) ist für Fans des Regisseurs ein kleines, feines Meisterwerk, gespickt mit Schauspielern, mit denen der Regiemeister des Öfteren arbeitete. Ein dreckig-cooler Endzeitspaß, dessen Effekte und Zeitlinie natürlich nicht dem heutigen Standard entsprechen, was ein jüngeres Publikum abschrecken dürfte. Die Fortsetzung „Flucht aus L.A.“ konnte da nicht mithalten und ein geplantes Remake blieb uns mittlerweile erspart. Das hier hingegen ist Kult! Punkt.

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