ANORA
Es wird Zeit auf das auslaufende Jahr zurückzublicken. Deshalb möchte ich Euch heute den Oscargewinner 2025 nochmal ans Herz legen. Mit „Anora“ inszenierte Regisseur und Drehbuchautor Sean Baker eine moderne, ganz eigene Cinderella-Variante auf Speed, in der Hauptdarstellerin Mikey Madison die Pretty Woman gibt – im Gegensatz zu Julia Roberts aber mit vollem, ungedoubelten Körpereinsatz.
Damit hatte wohl kaum jemand gerechnet. Die gerade einmal 26-jährige Mickey Madison schnappte Demi Moore, die in „The Substance“ eine großartige Performance ablieferte, den Goldjungen vor der Nase weg. Ich war neugierig: ist ihre Darstellung der titelgebenden Anora / Ani wirklich so beeindruckend, dass die Vergabe gerechtfertigt war? Bislang fiel mir die junge Dame lediglich in ihren Rollen in „Once Upon a Time In… Hollywood“ und dem 2022´er „Scream“ auf. Die Serie „Better Things“, in der sie eine der Hauptrollen spielte, ging bislang an mir ungesehen an mir vorüber.
Anora, genannt Ani (Mickey Madison) arbeitet als erotische Tänzerin in einem exklusiven Stripclub. Notgeile Kerle bei einem Lapdance in Ekstase zu bringen ist für sie etwas, dass sie auf Autopilotstellung erledigt. Dies ändert sich, als sie dort auf Vanya (Mark Eydelshteyn), den Sohn eines russischen Oligarchen, trifft. Beide finden sich auf Anhieb sympathisch, weswegen er sie auch außerhalb des Stripclubs bucht – für Sex. Es soll nicht bei einer Nummer bleiben und so unterbreitet Vanya ihr das Angebot, sie eine Woche für 15.000$ exklusiv zu mieten. Ani geht auf das Angebot ein und verbringt mit dem reichen Studenten und seinen Freunden eine aufregende Woche voller Alkohol, Drogen und Sex. Als ihre gemeinsame Zeit sich dem Ende naht, macht Vanya Ani einen spontanen Heiratsantrag, auf den die junge Frau freudig eingeht.
Und so fliegen die beiden nach Las Vegas, wo sie sich gegenseitig das Ja-Wort geben. Ani kündigt daraufhin ihren Job im Stripclub und zieht mit Sack und Pack in Vanyas Villa ein. Alles scheint wie im Märchen zu sein. Doch dann bekommen Vanyas Eltern Wind von der Ehe mit der Erotik-Tänzerin. Es dauert nicht lange, da klingelt es bei Vanya an der Tür…
Zu diesem Zeitpunkt macht der Film, der bislang eine Mischung aus Erotikfilm, Drama und Romanze war, eine komplette Kehrtwende. Ohne zu viel zu spoilern, sei erwähnt, dass plötzlich Comedy- und Road Trip-Elemente bei „Anora“ Einzug halten und die zweite Hälfte des 139 Minuten langen Streifens damit höchst amüsant gestalten. Ab diesem Moment kommen noch drei weitere Figuren zur Handlung hinzu, die den Unterhaltungswert nochmal enorm steigern (wobei die erste Filmhälfte ebenfalls beeindruckt mit krachenden Club-, Sex- und Partyszenen).
Im Zentrum der Handlung aber steht, logischerweise, Anora – und die wird ganz fantastisch verkörpert von Mickey Madison. Zugegeben, das Drehbuch von Regisseur Sean Baker ist daran nicht ganz unschuldig, denn der verpasste seiner Hauptfigur mehrere Ecken und Kanten und ausreichend Situationen, um sich schauspielerisch zu beweisen. Doch diese Hingabe, die Mickey Madison hier an den Tag legt, um alle Facetten ihrer Rolle zum Leben zu erwecken, von der sexy Erotikarbeiterin zur beißenden und schreienden Ehefrau, ist zweifellos einen Goldjungen wert gewesen. Spätestens in der letzten, emotional mitreißenden Szene, dürfte hier jeder Skeptiker nickend zustimmen.
„Anora“ ist wahrhaft eine Wundertüte an Emotionen und inhaltlichen Wendungen – witzig, erotisch, spannend, traurig – und dabei erstaunlich lebensecht und kompetent inszeniert. Vielleicht am besten beschrieben als Mischung aus „Pretty Woman“ und „Der schwarze Diamant“ mit tollen Darstellern und geleitet von kompetenter Regie. Zurecht ein Oscar-Gewinner.
Website: Chrischis Website
Instagram: Chrischis Insta
Facebook: Chrischis Facebook
