Lübeck – Kunst am Sonntag.
Lübeck, gib fein acht, ich hab dir etwas mitgebracht. Am Sonntag stehe ich an meinem Schaufenster. Verkaufsoffen ist. Bei mir Besuchsoffen. Kommt vorbei. Schnackt mich an. Schnackt mich voll. Bringt Liebesbekundungen mit. Hier ist schon mal Geschichte Nummer 2:
Sie wurden nicht gebaut, um zu fragen.
Und schon gar nicht, um zu zweifeln.
ZEHN
Lonny Launch wusste das. Trotzdem hatte er in letzter Zeit öfter das Gefühl, dass es mehr geben müsste als Testprotokolle und kontrollierte Zerstörung.
Tess Dummy war neu. So neu, dass ihre Gelenke beim Gehen kaum Geräusche machten. Ihre Haut glänzte noch wie ein Versprechen. NEUN. Sie hatte den ersten Test vor sich. Und ein ganz leichtes Zittern in den Fingern, das man in der Produktion übersehen hatte. Vielleicht auch absichtlich.
Sie trafen sich in Hangar 4. ACHT. Zwischen staubigen Trainingsmodellen und einem Kaffeeautomaten, der nur noch blinkte.
„Lonny“, stellte er sich vor. “Lonny Launch.”
„Tess“, sagte sie. „Tess Dummy“.
Ihre Stimme klang so … mechanisch.
Lonny Launch mochte das sofort.
„Was passiert eigentlich da draußen?“ fragte sie.
SIEBEN
„Jede Menge. Und nichts“, antwortete er.
„Und was passiert drinnen?“
Er sah sie an.
„Kommt drauf an, ob du bereit bist, es zu merken.“
Sie setzten sich nebeneinander in die Testkapsel. SECHS. Ihre Körper perfekt ausgerichtet, ihre Sensoren online, ihre Funktionen bereit für das, was nicht passieren durfte – aber sollte.
Draußen lief der Countdown.
Drinnen: ein Gefühl, das keiner von beiden benennen konnte.
Lonny erinnerte sich an seinen ersten Test. An das Rauschen. Den Druck. Und das Danach – das nichts anderes war als: weiterfunktionieren. FÜNF
„Ich hatte damals gehofft, dass es schiefgeht“, flüsterte er.
Tess schwieg. Und legte langsam ihre Hand auf seine – vorsichtig, wie man ein Geheimnis anfasst.
„Ich glaube, ich will nicht kaputtgehen“, sagte sie.
„Dann halt dich fest.“
„Woran?“ VIER
Er antwortete nicht.
Aber seine Hand blieb da.
DREI. Ein Techniker murmelte draußen etwas von: „Alles auf grün.“
Drinnen: kein Befehlston, kein Protokoll. Nur zwei künstliche Körper, die für einen Moment mehr fühlten als vorgesehen.
„Was, wenn wir einfach weiterfliegen?
Kein Aufprall. Kein Ende.“
„Und wohin?“
ZWEI
„Weg.“
„Und was dann?“
„Dann schauen wir, was Zukunft heißt, wenn keiner mehr sagt, was kommt.“
Sie sahen sich an. Ohne Worte. EINS
Als würde sich im Blick des anderen eine Version von sich selbst spiegeln,
die nie getestet, nie vermessen,
aber vielleicht irgendwann – wirklich gelebt hat.
Zündung.
Vibration.
Und irgendwo zwischen den Sternen:
eine Idee von Morgen.
Über den Autor
Alexander Lachmann, bringt Kunst und Worte oder beides auf neue Bühnen. Eigentlich Creative Director für Text und Konzept, also Werber. Aber eben auch Künstler. Ideenmensch. Beobachter.
Auf seiner Website iwrotethisshit.com zeigt er Arbeiten aus der Werbung. Seine Kunst-Website alexanderlachmann.de zeigt seine Kunst. Logisch. Seine Kolumnen hier sind spitz, pointiert und manchmal so gnadenlos ehrlich, dass sie fast schon wehtun – aber immer mit Charme.
Kurz gesagt: Einer, der Worte ernst nimmt. Und gleichzeitig leicht genug, um sie fliegen zu lassen.
Photo Credits: Alexander Lachmann
Websites: iwrotethisshit.com | alexanderlachmann.de
