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Lübeck – überwältigt von sich selbst.

LÜBECK – ÜBERWÄLTIGT VON SICH SELBST

Es hat also auch Lübeck erwischt. Die generische Absage.Früher war das mal eine persönliche Nachricht. Heute? Eine Textbaustein-Vergewaltigung mit LinkedIn-Glasur.

„Wir waren überwältigt von der Vielzahl der eingegangenen Bewerbungen…“

Ja klar. Wahrscheinlich so überwältigt, dass man erst mal zwei Wochen die Mails nicht mehr angefasst hat – aus Angst, im Anblick all dieser brennenden Talente eine emotionale Kernschmelze zu erleiden.

„…und haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.“

Doch. Habt ihr.

Und zwar so leicht, dass die Antwort direkt aus dem „Copy & Paste“-Ordner kam.
Formatvorlage: Corporate Empathie mit Hang zur Pseudo-Demut.

Verpackt in weichgespülter Büroprosa, gewürzt mit einem Schuss Unverbindlichkeit.

„Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass bei den vielen sehr guten und überaus qualifizierten Bewerbungen oft nur kleine Details entscheiden…“

Details.

Wie etwa: Wir kennen Sie nicht. Sie haben keinen Buddy bei uns. Oder Ihre Bewerbung war zu früh. Oder zu spät. Oder einfach zu echt.

„…welche auf rein fachlichen Kriterien beruhen und in keiner Weise Ihre persönlichen Qualifikationen mindert.“
Ach, wie beruhigend. Ich bin also nicht schlecht. Ich bin nur nicht gut genug.

Aber hey: Es liegt an den Kriterien! Nicht an mir. Nicht an euch. An diesen mysteriösen, schwammigen Kriterien, die wie ein Horoskop für Human Resources funktionieren: Alles ist richtig – aber auch irgendwie falsch.

Es mag vielleicht verrückt klingen: Nein, ich bin nicht sauer. Ich bin gelassen. Wer mich kennt…

Hahaha. Wieder so eine besch…eidene Floskel.

Ich bin genervt. Davon, dass Respekt heute offenbar auch automatisiert wird. Dass die Mühe, die ich mir mit Anschreiben, Mappen, Ideen, Haltung gemacht habe, mit einem standardisierten Schulterklopfen abserviert wird.

Und ja – ich weiß, wie Bewerbungsprozesse laufen. Ich hab sie selbst gestaltet. Ich weiß, dass es Arbeit ist, ehrlich abzusagen. Aber genau das ist doch das Problem:

Wir sagen, wir haben keine Zeit. Eine faule Ausrede. Nein, wir nehmen sie uns einfach nicht. Weil wir keinen Wunsch mehr haben für Wahrheit. Für Haltung. Für ehrliches Feedback.

Stattdessen:

„Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und alles Gute für Ihren weiteren Weg.“

Na dann.

Ich wünsche euch übrigens auch was: Mut. Fürs nächste Mal.

Und vielleicht einen besseren Textbaustein.

Über den Autor

Alexander Lachmann, Jahrgang 1982 ist kreativer Unternehmensberater – mit seinem eigentlich Titel Creative Director Text und Konzept kann ja kein normaler Mensch was anfangen. Alexander Lachmann erarbeitet Werbekampagnen. Er schreibt sie. Vom großen Dachgedanken bis zum kleinen Instagram-Post. Filme, Plakate, Flyer. Und jetzt auch diese Kolumne. Auf seiner Website www.iwrotethisshit.com gibt es einen Auszug seiner bisherigen Arbeiten.

Ende 2024 gründete er das Kunstprojekt www.einwortsagtmehralstausendbilder.de. Bereits Ende Januar 2025 konnte er seine erste eigene Ausstellung „Hashtagreality“ realisieren, die ab 15. Mai in Braunschweig beim Paritätischen Dienst hängt. Noch bis 30. Juni ist er im Übergangsraum heimisch – und danach auf der Suche nach einem neuen kreativen Ort.

Photo Credits: Alexander Lachmann

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