Der Neuankömmling
Anfangs dachte ich, Lübeck mag mich nicht. Kein Hass, keine Feindseligkeit, nein – einfach ein leises, höfliches Desinteresse. Ein Blick, der sagt: „Du bist da? Okay.“ Nicht mehr, nicht weniger. Und ich, euphorischer Neuankömmling, machte den klassischen Fehler: Ich erwartete Applaus fürs bloße Ankommen.
Es ist ja nicht so, als hätte ich nichts mitgebracht. Erfahrung in Städten, die sich für wichtig halten. Hamburg, Berlin, Stockholm, San Francisco. Ich hatte Werbe-Kampagnen gemacht, große Werbe-Kampagnen. Und auch ein paar kleinere. Ich war an Orten, die größer dachten, sich lauter in Szene setzten.
Und jetzt? Lübeck.
Ich erwartete, dass Lübeck sich interessiert zeigt, neugierig fragt: „Was hast du mitgebracht?“ „Wer bist du?“ „Wie kommen wir ins Geschäft?“
Doch Lübeck fragte nicht.
Lübeck zuckte mit den Schultern.
Aber da war auch etwas anderes. Eine stille Wachsamkeit. Kein Abweisen, sondern ein Abwarten. Lübeck schien zu sagen: „Mal sehen, ob du bleibst.“
Irgendwie irritierend.
Und dann doch: lehrreich.
War es vermessen zu glauben, dass man hier als neuer Mensch, unbekannter Künstler, Werber mit fremden Referenzen einzieht – und dann rennen einem die Leute die Bude ein? Ja.
Warum sollten sie auch? Lübeck hat schon genug. Lübeck ist gesättigt mit Geschichte, mit Selbstbewusstsein, mit einem leichten Misstrauen gegenüber allem, was zu forsch daherkommt.
Und dann? Dann habe ich aufgehört, mich aufzudrängen. Ich habe Lübeck sein lassen. Ich habe gelernt, die Geduld zu schätzen. Die Art, wie die Lübecker sich Zeit nehmen, um zu vertrauen. Ich habe gemerkt: Hilfsbereit sind sie durchaus, wenn man nicht zu ungeduldig ist. Und wenn es dann passiert – wenn Lübeck irgendwann, vielleicht nach Monaten, nach Jahren, nach einem zufälligen Gespräch über Marzipan oder Thomas Mann oder den richtigen Schnack im Regen – wenn Lübeck dann plötzlich doch die Tür öffnet, dann ist es ein echtes Willkommen.
Das ist vielleicht nicht Liebe auf den ersten Blick. Nicht mal auf den zweiten oder dritten. Sondern Liebe auf den vierten Blick. Und die hält bekanntlich am längsten. Aber so weit sind wir noch nicht, Lübeck.
Über den Autor
Alexander Lachmann, Jahrgang 1982 ist kreativer Unternehmensberater – mit seinem eigentlich Titel Creative Director Text und Konzept kann ja kein normaler Mensch was anfangen. Alexander Lachmann erarbeitet Werbekampagnen. Er schreibt sie. Vom großen Dachgedanken bis zum kleinen Instagram-Post. Filme, Plakate, Flyer. Und jetzt auch diese Kolumne. Auf seiner Website www.iwrotethisshit.com gibt es einen Auszug seiner bisherigen Arbeiten.
Ende 2024 gründete er das Kunstprojekt www.einwortsagtmehralstausendbilder.de. Bereits Ende Januar 2025 konnte er seine erste eigene Ausstellung „Hashtagreality“ realisieren, die noch bis Ende April im Übergangsraum am Rathaus (Breite Straße 81) nach Voranmeldung besucht werden kann. Noch bis zum 30. Juni ist er im Übergangsraum heimisch – und danach auf der Suche nach einem neuen kreativen Ort.
Photo Credits: Alexander Lachmann
